Neuropsychologie
■ Halluzinationen
■ Was ist Neuropsychologie?
■ Wie wird man Klinischer Neuropsychologe ?
■ Wohin nach Beendigung der Therapie in einer Reha-Klinik ?
■ Wohin können Patienten und ihre Angehörigen sich wenden ?
■ Zeitschriften
■ Buchtipps
■ Kurzauswahl wichtiger neuropsychologischer Testverfahren
■ Neuropsychologische Tests sind erhältlich beim
Bedarf und Dauer ambulanter neuropsychologischer Therapie
■ Einleitung
■ Erkrankungen
■ Übersicht von Neuerkrankungen pro Jahr
■ Anzahl von Patienten mit mittelschwerer Hirnschädigung
■ Patienten mit neuropsychologisch relevanten Einschränkungen
■ Berechnung
■ Dauer neuropsychologischer Behandlung
Aktuelle Infos Neuropsychologie
■ Arbeitsgruppe Neuropsychologie
Jedes Jahr erleiden mehrere hunderttausend Menschen einen Hirnschaden
In der Bundesrepublik Deutschland erleiden jährlich mehr als 250.000 Menschen Unfälle mit Kopfverletzungen (Trauma), weitere 200.000 Personen haben eine Hirnschädigung infolge eines Schlaganfälls (Apoplex) oder einer Hirnblutung. Hinzu kommen Patienten, deren Gehirn z.B. infolge von Entzündungen des Gehirns, Tumoroperationen, Sauerstoffmangel (Anoxie), Vergiftungen, Nieren- und Leberfunktionsstörungen, hormonellen Störungen, sowie durch eine Vielzahl von angeborenen Defekten geschädigt wurde. Rund 100.000 Personen in der BRD sind schwerbehindert infolge einer Schädigung des Gehirns. Diese Menschen leiden unter einer Vielzahl von Funktionsausfällen: Neben der Halbseitenlähmung und Ausfällen der Körperwahrnehmung sind Sprachschwierigkeiten (Aphasie) das wohl bekannteste Symptom. Mindestens ebenso belastend für die einzelnen Patienten sind aber auch Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Hörstörungen, Sprach-, Musik- oder Geräuscherkennungsprobleme, Tinnitus, Gesichtsfeldausfälle (Hemianopsie), Verlust der Sehschärfe, Verlust des Farberkennungsvermögens (Achromatopsie), Unfähigkeit einfache Aufgaben des täglichen Lebens zu vollbringen, Orientierungsschwierigkeiten, Verlust der Fähigkeiten zu lesen, zu schreiben oder zu rechnen, Apraxie oder Agnosie und vieles andere mehr. Ein Teil der Patienten leidet insbesondere bei Frontalhirnläsionen auch unter Persönlichkeitsveränderungen, psychischer Labilität, Apathie, jähzornartigen Aggressionen oder Verlust der sozialen Distanz. Hinzu kommen psychische Probleme, insbesondere Depressionen, durch mangelnde Verarbeitungsmöglichkeiten der Personen, die oft aus einem völlig normalen Arbeitsleben plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung in den Status eines Schwerbehinderten versetzt wurden. Arbeitsrechtliche Streitigkeiten, Verlust des Arbeitsplatzes und leider auch allzuhäufig Trennung vom Ehepartner bilden weitere Belastungsmomente, die nicht selten in einem Suizid oder Suizidversuch des Betroffenen enden können.

Was ist Neuropsychologie ?
Die Klinische Neuropsychologie ist das Fach, das sich mit der Diagnostik und der Behandlung dieser Störungen der höheren Hirnleistung befasst. Die Arbeit geschieht interdisziplinär, insbesondere in Zusammenarbeit mit Neurologen, Krankengymnasten, Ergo- und Sprachheiltherapeuten. Das wesentlichste Ziel der Neuropsychologie ist zunächst die Erfassung von Ausfällen im Sinne einer Diagnostik, die dann die Grundlage für eine genau geplante, gezielte Behandlung bildet. In der Regel sind bei hirngeschädigten Patienten nicht alle Systeme gleichermaßen zusammengebrochen, so dass nur die eingeschränkten Leistungsfunktionen gezielt behandelt werden müssen. Aus den Reihen der Neuropsychologen wurde hierfür in den letzten Jahren eine Vielzahl von effektiven und wissenschaftlich geprüften Übungsmaterialien entwickelt, die inzwischen in vielen Lehrbüchern ausführlich geschildert werden (siehe unten).

Darüber hinaus bedarf die psychische Situation des Patienten oft der verhaltens- oder gesprächstherapeutischen Unterstützung, zur emotionalen Verarbeitung der Behinderung kommen sogar analytische und tiefenpsychologische Techniken zur Anwendung. Der Klinische Neuropsychologe muss daher im Rahmen seiner Tätigkeit sowohl über neurologisches Grundlagenwissen verfügen, wie auch in der Lage sein, spezielle neuropsychologische Diagnostikmöglichkeiten anzuwenden, übende Verfahren einzusetzen und klassische psychotherapeutische Verfahren anzuwenden. Es handelt sich also um eine vergleichsweise hochspezialisierte Gruppe innerhalb der Psychotherapeuten.

Computer-Tomographie von Patienten mit Hirnschäden

Wie wird man Klinischer Neuropsychologe ?
Die Ausbildung zum klinischen Neuropsychologen wurde in Zusammenarbeit der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und dem Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) bundeseinheitlich von der "Gemeinsamen Kommission klinische Neuropsychologie" geregelt. Diese Ausbildung sieht eine dreijährige berufsbegleitende Weiterbildung für Diplompsycholog(inn)en in einer anerkannten Institution vor. Der zeitliche Umfang ist auf 1.000 Stunden festgesetzt, wobei 300 Stunden außerhalb der klinisch-praktischen Ausbildung abgeleistet werden müssen. Die Weiterbildung erfolgt in einem Trägerschaftsmodell, welches eine Kooperation von Universitätseinrichtungen mit dem Diplomstudiengang Psychologie und Spezialisierung in Klinischer Psychologie oder anderen Universitätseinrichtungen mit einem kontinuierlichen Ausbildungsangebot in Klinischer Neuropsychologie, klinisch-neuropsychologischen Praxiseinrichtungen und gegebenenfalls anderen psychologischen Weiterbildungseinrichtungen vorsieht. Nach Prüfung der Voraussetzungen wird die Weiterbildung durch eine mündliche Prüfung abgeschlossen.
Wohin nach Beendigung der Therapie in einer Reha-Klinik ?
Neuropsychologische Behandlung wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt überwiegend zunächst an Rehabilitationskliniken durchgeführt, die von den Versicherungsträgern als Vertragshäuser zugelassen wurden. Erfahrungsgemäß reicht die meist sechs bis zwölf Wochen andauernde Heilbehandlung in Reha-Kliniken allerdings nicht aus, um ausgefallene kognitive Funktionen bis zu einem befriedigenden Ausmaß wiederherzustellen. Häufig sind die Defizite so gravierend, dass einzelne Leistungsbereiche, etwa Konzentration, Gedächtnis, Lesen, Schreiben oder Rechnen, wieder von Grund auf erlernt werden müssen oder dem Patienten muss beigebracht werden, wie diese Mängel ausgeglichen werden können. Die hirngeschädigten Patienten benötigen also nach Beendigung einer Rehabilitationsbehandlung in einer Klinik fast immer noch der Nachsorge am Heimatort. Die Vorteile einer solchen ambulanten Therapie sind schon lange allgemein akzeptiert worden. Zum einen spielt für die Patienten die Nähe zum Wohnraum eine große Rolle. Viele hirngeschädigte Patienten leiden unter schwerwiegenden Orientierungs-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen und sind durch den Wechsel in eine Klinik oft zusätzlich verwirrt und belastet. Insbesondere für die mehreren tausend Kinder, die jedes Jahr durch Straßenverkehrsunfälle schwere Hirnverletzungen erleiden, ist die Möglichkeit der ambulanten Versorgung geradezu zwingend. Zum anderen ist selbst eine langjährige ambulante Therapie im Vergleich zum kurzen, stationären Aufenthalt in der Klinik vergleichsweise kostengünstig. Neben der Betreuung in der meist wöchentlich abgehaltenen Therapiestunde lässt sich außerdem eine große Fülle von Übungsmaterialien vom Patienten im Verlauf der Woche bearbeiten. Hierzu brauchen die Patienten jedoch immer eine fachliche Anleitung. In verschiedenen Forschungsprojekten wurde u.a. auch gezeigt, dass ein computergestütztes Heimtraining Kosten drastisch reduzieren und gleichzeitig zu beachtlichen Erfolgen führen kann.

Reha-Aufenthalte sind als erster Schritt sinnvoll, aber erfahrungsgemäß verschlechtern sich viele Patienten in den oft Monate oder sogar Jahre dauernden therapiefreien Intervallen dazwischen oft wieder ganz erheblich. Wie Schulkinder nach den Sommerferien, haben sie dann viele der mühsam aufgebauten Fähigkeiten wieder verlernt. Abgesehen von der ohnehin wichtigen psychotherapeutischen Unterstützung zur Verarbeitung der Behinderung, kann eine kontinuierliche Fortsetzung der Behandlung durch den niedergelassenen Neuropsychologen auch hier Abhilfe schaffen, langfristig Kosten reduzieren, den Patienten über einen längeren Zeitraum das Gefühl geben, dass er etwas Sinnvolles tut und viele Hirngeschädigte wieder in das Berufsleben zurückführen.
Wohin können Patienten und ihre Angehörigen sich wenden ?
Derzeit gibt es äußerst wenig auf Neuropsychologie spezialisierte Psychologen in der Bundesrepublik, die auch ambulant in freier Praxis tätig sind. Die Liste der AG Neuropsychologie beinhaltet für das gesamte Bundesgebiet zur Zeit die Adressen von knapp über 100 Einrichtungen. Mit längeren Anfahrtswegen und Wartezeiten ist daher oft zu rechnen. Darüber hinaus muss die Übernahme der Behandlungskosten zunächst beim zuständigen Kostenträger (Krankenkasse, Berufsgenossenschaft, Rentenversicherungsträger oder Sozialamt) beantragt werden. Neuropsychologie ist eine junge Behandlungsmethode, die nicht in jedem Fall vom Kostenträger übernommen wird.

Viele Patienten und deren Angehörige haben sich in einem Selbsthilfeverband zusammengeschlossen:

  • Bundesverband "Schädel-Hirnpatienten in Not" Bayreuther Str. 33, D-92224 Amberg. Tel.: 09621/64800, Fax: 09621/63663. E-Mail.
  • Weitere Adressen von Selbsthilfeverbänden und anderen Institutionen, die helfen können.

Zeitschriften
  • Der Mitglieder-Zeitschrift "Wachkoma" des Verbandes "Schädel-Hirn-Patienten-in-Not" (s.o.) lassen sich viele wichtige Informationen entnehmen.
  • Auch die Zeitschrift "Not" wird speziell für diese Patienten und ihre Angehörigen herausgegeben: verlag hw-studio weber, Gewerbegebiet 39, 76774 Leimersheim, Tel: 07272/92750 Fax: 07272/927544, email: info@hw-studio.de, Internet: www. not-online.de.
  • Für Fachleute und zur Fortbildung: "Zeitschrift für Neuropsychologie", Hans-Huber-Verlag, Länggass-Strasse 76, CH-3000 Bern 9, Schweiz. Tel.: 41 31 300 45 00, Fax: 41 31 300 45 93. Internet, E-Mail.
Buchtipps
  • Beaumont, J.G. [1987] Einführung in die Neuropsychologie. München & Weinheim: Psychologie Verlags Union
  • Cramon D.v. & Zihl, J. [1988] Neuropsychologische Rehabilitation. Berlin: Springer
  • Dick, F., Gauggel, S., Hättig, H. & Wittlieb-Verpoort, E. [1995] Klinische Neuropsychologie. Bonn: Deutscher Psychologen Verlag
  • Eder, R. [1993] Komparative neuropsychologische Diagnostik. Regensburg: Roderer
  • Fries, W. (Hrsg.) [1996) Ambulante und teilstatiopnäre Rehabilitation von Hirnverletzten. München: W.Zuckschwerdt
  • Gauggel, S. & Kerkhoff, G. [1997] Fallbuch der klinischen Neuropsychologie. Göttingen: Hogrefe
  • Hartje, W. [1992] Klinische Neuropsychologie. In: K. Kunze (Hrsg.): Lehrbuch der Neurologie. Stuttgart: Thieme, S. 800-819
  • Jacobi, P. [1989] Psychologie in der Neurologie. Berlin: Springer Verlag
  • Kandel, E.R., Schwartz, J.H. & Jessell T.M. (Hrsg.) [1995] Neurowissenschaften. Heidelberg: Spektrum
  • Kasten, E., Kreutz, M.R. & Sabel, B.A. [1997] Neuropsychologie in Forschung und Praxis. Göttingen: Hogrefe
  • Kasten, E., Schmid, G. & Eder, R. (1998) Effektive neuropsychologische Behandlungsverfahren. Bonn: Deutscher Psychologen Verlag
  • Klivington, K.A. [1992] Gehirn und Geist. Heidelberg: Spektrum
  • Lezak, M.D. [1995] Neuropsychological Assessment. New York: Oxford University Press
  • Lurija , A.(1991) Der Mann, dessen Welt in Scherben ging. rororo-Verlag
  • Markowitsch, H.J. [1997] Enzyklopädie der Psychologie: Grundlagen der Neuropsychologie. Göttingen: Hogrefe
  • Poeck, K.(Hrsg.) [1989] Klinische Neuropsychologie. Stuttgart: Thieme
  • Sacks (1998) Der Mann, der seine Frau mit einem hut verwechselte. Rowohlt-Verlag.
Kurzauswahl wichtiger neuropsychologischer Testverfahren
  • Aachener Aphasie Test (AAT, Huber et al.)
  • Amsterdam-Mijmegen Everyday Language Test (ANELT, Blomert & Buslach)
  • Auditives und visuelles Sprachverständnis (Blanken)
  • Basel-Minnesota-Test zur Differentialdiagnose der Aphasie (BMTDA, Delavier & Graham)
  • Behavioural Inattention Test (BIT, Wilson et al.)
  • Benton-Test (Benton)
  • Berliner Amnesietest (BAT, Metzler et al.)
  • Brief Neuropsychological Cognitive Examination (BNCE, Tonkonogy)
  • Demenztest (Kessler et al)
  • Demenz-Testsystem (DTP, Lehrl & Burkhard)
  • Diagnosticum für Cerebralschäden (DCS, Hillers)
  • Dichotischer Hörtest für Erwachsene (Neukomm)
  • Fragmentierter Bildertest (FBT, Kessler, Schaaf & Mielke)
  • Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstest (CGT-M, Satzger & Engel)
  • Göttinger Formreproduktions-Test (GFT, Schlange et al.)
  • Kognitives Minimal Screening (KMS, Kessler et al.)
  • Kurztest für cerebrale Insuffizienz (c.I.-Test, Lehrl & Fischer)
  • Kurztest zur Erfassung von Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen (SKT, Erzigkeit)
  • Memo-Test (Schaaf et al.)
  • Mini-Mental-Status-Test (MMST, Folstein et al.)
  • Neglect-Test (NET, Fels & Geissner)
  • Neuropsychological Impairment Scale (NIS, O’Donnell et al.)
  • Nürnberger Alters-Inventar (NAI, Oswald & Fleischmann)
  • Recognition Memory Test (RMT, Warrington)
  • Reisberg-Skalen (Reisberg)
  • Rivermead Behavioural Memory Test (RBMT, Wilson et al.)
  • Rivermead Behavioural Memory Test for Children (RBMT-C, Wilson et al.)
  • Strukturiertes Interview für die Diagnose einer Demenz (SIDAM, Zaudig et al.)
  • Test of Everyday Attention (TEA, Robertson et al.)
  • Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (Zimmermann & Fimm. 1992)
  • Token-Test (Orgass)
  • Trail-Making-Test (TMT, Reitan)
  • Tübinger Luria-Christensen Neuropsychologische Untersuchungsreihe für Kinder (TÜKI, Deegener et al.)
  • Tübinger-Luria-Neuropsychologische Untersuchungsreihe (TÜLUC, Hamster et al.)
  • Verbaler und nonverbaler Lerntest (VLT, NVLT, Sturm & Willmes)
  • VOSP - Testbatterie für visuelle Objekt- und Raumwahrnehmung (Warrington & James)
  • Wechsler-Gedächtnis-Test (WMS-R, Härting et al.)
  • Wisconsin Card Sorting Test (WCST, Grant & Berg)
Neuropsychologische Tests sind erhältlich beim
Hogrefe-Verlag für Psychologie, Robert-Bosch-Breite 25, D-37079 Göttingen. Tel.: 0551/506880, Fax: 0551/5068824, E-Mail, bitte den Testkatalog anfordern!

Vorlage (links) und Versuche von zwei erwachsenen hirngeschädigten Patienten (53 bzw. 67 J. alt), ein Gesicht zu zeichnen.